Aug 16 2010
Elbrus – no Diamox – no Ratrack
by Flori
Ende Juli/Anfang August 2010: Ausgerüstet mit eben erworbenen Wanderstöcken und einer Head-Lamp von Alpintech, sowie dem Segen von René, gings auf den höchsten Berg Europas (geographisch gesehen ist es nicht der Mont Blanc, sondern der russische Elbrus an der georgischen Grenze).
Ausgangspunkt ist das Dorf Azau, nahe Cheget. Organisiert habe ich die Reise mit Pilgim Tours, einer höchst professionellen russischen Bergschule, die einen Bruchteil von dem kostet, was man hinblättern muss, organisiert man die Reise über eine österreichische oder deutsche Gesellschaft – also direkt buchen!
Anreise ist über Moskau, wir entgehen knapp dem fürchterlichen Smog der Hauptstadt. Als wir in Mineralny Vody im Süden des Landes ankommen, ist auch hier das Land von der Hitze gebeugt. Das ist gut, das Wetter verspricht schön zu werden; der Elbrus ist normalerweise nicht gefährlich, es sei denn man geht ohne Führer und verliert sich im schlechten Wetter; dann können schon mal bis an die 40 Bergfexen in einer Saison nicht mehr zurückkommen (so geschehen 2004 wie ich höre).
Die Gegend um den Elbrus ist atemberaubend – die Berge wirken größer und klobiger als in den Alpen, und natürlich bei weitem nicht so erschlossen. Die Dörfer und Städte sind trostlos und verarmt; politische Spannungen spüren wir zwar nicht, angeblich sind sie aber allgegenwärtig.
Dieser Teil Russlands ist in der Nähe von Tschetschenien und heisst Kabardino-Balkaria – zwei Polizisten wurden während unserer Reise von islamistischen Extremisten hier erschossen; deren Ziel wiederum ist es einen Gottestaat vom kaspsischen zum schwarzen Meer zu errichten – gutes Gelingen. Unser Bergführer Vladimir versichert uns, alles Blödsinn und westliche Propaganda! Aha. (Zwei Wochen später, wieder zu Hause, lese ich mit Erstaunen in der westlichen Propaganda, dass kürzlich auch zwei Wasserkraftwerke in die Luft gesprengt wurden, was würde da wohl die Tiwag sagen wenn das bei uns passieren würde).
Wir sind in einer Gruppe von 9: Australier, Engländer, Ire, Japaner, Kanadier und eine Makedonierin (meine Freundin) sowie zwei Österreicher inklusive mir. Das Basislager sind die Barrel Huts (überdimensionale Fässer, recht komfortabel) auf 3800 Meter. Von dort wurde akklimatisert – am ersten Tag auf 4200, dann auf 4600 und dann auf 5000 (vorher gabs noch ein paar Wanderungen unter 3800 – bei einer solchen treffe ich auf dem Cheget Berg eine Barbara aus Kampl, kleine Welt).
Am 7. August ist Gipfeltag. Von 3800 auf 5642 Meter. Die Gruppe teilt sich. Die Hälfte sind bis oben hin angefüllt mit Diamox, ein Mittel zur Bekämpfung der Höhenkrankheit, das auf der Liste der absolut verbotenen Dopingmittel steht. Ich nehme vorsichtshalber ein Aspirin, das muss genügen. Die Akklimiatisierung war durchdacht, kaum Probleme bis jetzt, wer braucht da Doping? Meine Kollegen hauen es runter – eben wie Aspirin. Aber es kommt noch besser.
Zu viert mit Bergführer starten wir von den Barrel Huts kurz nach Mitternacht. Wir sind in voller Montur: Steigeisen, Daunenjacke und Pickel. Gleich hinter der Hütte beginnt der Gletscher. Die restlichen 5 der Gruppe lassen sich für 400 Euro auf einem Ratrack hinauffahren bis auf 4600 Meter. Wahre Alpinisten wie ich meinen möchte. Ich bin zutiefst dankbar, dass mir diese Schmach erspart bleibt und versuche jeden ehrlichen Schritt zu geniessen; noch funktioniert dies. Später erzählt mir Bergführer Vladi, dass viele die alles zu Fuss gehen es nicht schaffen – deswegen hat er vorsichtshalber einen Assistant Guide mitgenommen, sollte einer von uns Vieren aus Erschöpfung oder Höhenkrankheit umkehren müssen.
Punkto Ratrack: Ich höre sogar von ein paar Amis, die ein 13-jähriges Kind mit der Pistenraupe für 1000 Euro auf 5000 Meter raufziehen lassen – es geht ja immerhin um die Ersteigung aller Seven Summits, und den Rekordversuch eines Kindes (oder dessen Vaters). Na ja, unterschiedliche Philosophien, diplomatisch ausgedrückt (übrigens, auf die Ratrackfahrer ist nicht immer Verlass, da sie oft besoffen sind; genug Kohle machen sie ja mit den seltsamen Touristen, da gibts viel zu feiern)
Als die Sonne aufgeht haben wir die Ratrackgruppe eingeholt, und wir gehen jetzt zu neunt, mit drei Führern. Als ich Vladimir, den Chef-Bergführer auf Diamox und Ratrack anspreche sagt er nur kurz: “Not necessary”. Er wird heute zum 96. mal auf dem Elbrus stehen. Wir gehen quälend langsam, aber schneller gehts sowieso nicht; ich bin komplett ausser Atem. Die Beine sind stark, kein Kopfweh, aber kurzer Atem, ich kriege kaum den Sauerstoff den ich brauche in meinen Lungen.
Nach acht Stunden sind wir am Sattel, der Elburs ist ein Doppelvulkan und wir stehen zwischen den beiden Gipfeln, die mich an Gugelhupfe erinnern. Ich bin fast ausgepumpt. Jetzt noch weitere 2,5 Stunden, es wird ziemlich steil. Jetzt kommt der innere Schweinehund-Teil.
Auf dem Weg liegen ein paar Entkräftete, ihre Führer betreuen sie geduldig. Ich verstehe jetzt wie dieser Berg gefährlich werden kann, durch Höhe, Kälte und Entkräftung – in der Nacht war es nur windig und die Temperatur fiel nicht unter – 10. Vladimir war auch schon im Schneesturm bei -40 Grad am Berg.
Ich bin unendlich dankbar für die Sonne; sie brennt so stark, dass manche komplett verhüllt sind. Nach einem letzten Anstieg der mir sämtliche Kräfte raubt sind wir oben, jetzt noch 15 Minuten fast flach, was für ein Genuss.
Irgendwann nach 10,5 Stunden stehen wir am Gipfel; endlich; was für eine Schinderei, der höchste Punkt Europas. Jedem zu empfehlen.













Und du hast sogar auch dein gipfelfoto auf dem gipfel gemacht! Komplimente!