May 07 2010

Grundlagen des Sportkletterns – abgesicherte Mehrseillängenrouten

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Text: Emanuel Wassermann, Michael Wicky
Grafiken: Atelier Guido Köhler & Co., Binningen

Von Standplatz zu Standplatz
Die Seilschaft bewegt sich von Standplatz zu Standplatz, indem jeweils der Seilschaftsführer gesichert als erster zum nächsten Standplatz klettert und dann den Seilpartner von oben nachsichert.
Klettert man mit Doppelseil, so seilt man sich an jedem Seilstrang einzeln mit dem Achterknoten an. Den HMS-Knoten macht man direkt mit beiden Seilen zusammen. Vor dem Losklettern führt man wie im Klettergarten den Partnercheck durch. Der Sichernde ist am Stand «selbstgesichert». Dazu wird das Seil mittels Mastwurf und gesichertem Karabiner am Stand fixiert. Der Vorsteiger wird mittels Halbmastwurf (HMS) gesichert. Durch das Einhängen von Zwischensicherungen reduziert er seine potenzielle Sturzhöhe.
Der Nachsteiger wird vom Seilpartner von oben mit HMS gesichert. Oft sieht man nicht von Standplatz zu Standplatz, und lange Wortwechsel versteht man bei Wind und über die Distanz einer Seillänge kaum. Deshalb muss die Kommunikation knapp und eindeutig sein.
Eingeübte Seilschaften brauchen nur zwei Kommandos: «Stand» heisst «ich bin gesichert». «Kommen» (oder «Nachkommen ») heisst «ich sichere dich». Manche ersetzen diese Kommandos sogar durch Signale mittels Seilzug.

Die volle Kommunikation besteht aus vier Kommandos:

  1. Sobald der Vorsteiger am Stand ist und sich selbstgesicherthat, ruft er «Stand».
  2. Der Nachsteiger löst daraufhin die HMS und ruft «Seilein».
  3. Ist das restliche Seil eingezogen und der Nachsteigervom Vorsteiger mit der HMS gesichert, so ruft der Vorsteiger ihm «kommen» (oder «nachkommen») zu.
  4. Der Nachsteiger darf nun seine Selbstsicherung lösen und den Stand abbauen. Bevor er mit Nachsteigen beginnt, ruft er «ich komme».

 

Standplatzbau
Es gibt viele richtige Möglichkeiten, einen Standplatz zu bauen. Wichtig ist, dass er in jedem Fall hält. Deshalb besteht er in der Regel aus mindestens zwei guten Fixpunkten, die miteinander verbunden werden. Beim Einrichten eines Standplatzes macht es einen Unterschied, ob in der nächsten Seillänge wieder der gleiche Kletterer vorsteigt (auch «Raupen» genannt) oder ob abwechselnd vorgestiegen wird (Wechselführung, wechselnder Vorstieg, auch «Überschlagen» genannt).
Wird «geraupt», werden die Karabiner für den Nachsteiger vorbereitet, damit der Standplatz einfacher übergeben werden kann.

Der Normalfall: Stand an zwei Bohrhaken
Der Vorsteiger kommt an einen Stand mit zwei Bohrhaken (BH) und richtet diesen wie folgt ein: Am unteren BH fixiert er sich mittels Schraubkarabiner und Mastwurf. (Beim «Raupen» hängt er zwei Schraubkarabiner und den Mastwurf in den unteren ein. Er verbindet diesen mit dem Kletterseil zum oberen BH. Dazu hängt er eine Expressschlinge ein und den Mastwurf in den oberen (beim «Raupen » in den unteren) Karabiner der Expressschlinge. Beim unteren BH wird der HMS-Karabiner in den Schraubkarabiner eingehängt. Danach ruft der Vorsteiger «Stand», zieht das restliche Seil ein und sichert den Nachsteiger im vorbereiteten HMS-Karabiner.

Kommt der Nachsteiger beim Stand an, sichert er sich zuerst selbst. (Beim «Raupen» sichert er sich dabei am vorbereiteten Schraubkarabiner mittels Mastwurf und verbindet diesen mit dem Seil zum oberen BH. Dazu hängt er den Mastwurf in den freien oberen Karabiner der Expressschlinge.) Der Vorsteiger übernimmt danach das Material für die nächste Seillänge (Grafiken 19 und 20).



Stand an einem BH und einem anderen Fixpunkt
Befindet sich nur ein BH am Stand, so wird dieser mit mindestens einer zusätzlichen Sicherung verstärkt. Dies kann ein geschlagener Haken, eine Zackenschlinge, ein Klemmkeil oder ein Klemmgerät sein. Die Selbstsicherung und HMS werden immer am untersten Fixpunkt angebracht, auch wenn dies nicht der BH sein sollte.
Achtung:
Die erste Zwischensicherung darf in diesem Fall nicht am Stand eingehängt werden. Oft ist es besser, in diesem Fall den Vorsteiger, direkt am Stand und nicht am Körper zu sichern.

Stand an einem einzigen guten Fixpunkt
Ein einziger Fixpunkt ist die Ausnahme und genügt nur, wenn er sehr stabil ist wie z.B. ein dicker Baum oder ein stabiler Felszacken.
Kann man ohne grossen Aufwand einen weiteren Fixpunkt einbeziehen, so sollte man dies unbedingt tun. Sind keine Bohrhaken oder stabilen Zacken vorhanden, wird der Standplatz an verschiedenen improvisierten Fixpunkten gebaut.
Nicht überall ist die Felsstruktur für das Bauen eines improvisierten Standes günstig. Als erstes gilt es deshalb, einen geeigneten Platz zu finden. Das heisst: Nicht erst mit dem Suchen nach einem möglichen Standplatz beginnen, wenn das Seil schon ganz ausgegeben ist! Es sollten mindestens zwei Fixpunkte miteinander verbunden und an einem zentralen Karabiner zusammengeführt werden (Grafik 21).

Der Belastungswinkel sollte kleiner als 90 Grad sein. Die erste Zwischensicherung darf nicht im Stand eingehängt werden. Der Vorsteiger wird besser im Stand als am Körper gesichert. Ist der Vorsteiger deutlich schwerer oder sind grosse Stürze nicht auszuschliessen, so macht es Sinn, eine zusätzliche Sicherung einzubauen, die nach oben hält.


Fixpunkte

Die Erstbegeher einer Route bestimmen auch die Art ihrer Absicherung – manchmal wird diese im Rahmen einer Sanierung ergänzt und/oder erneuert. In der Regel werden bei der Erstbegehung an den Standplätzen und als Zwischensicherungen Bohrhaken zurückgelassen. In älteren Routen wurden in Risse geschlagene Haken eingesetzt.
Manchmal muss der Kletterer selber zusätzliche Zwischensicherungen wie Zackenschlingen, Keile oder Klemmgeräte anbringen oder damit einen Stand verstärken. Der Nachsteiger «räumt» diese Zwischensicherungen wieder aus. Welches und wie viel Material für eine Route mitgenommen werden muss, steht meist im Kletterführer.

Bohrhaken

Bohrhaken werden in ein vorgebohrtes Loch geklebt oder geschraubt und halten in der Regel über 20 kN. Vorsicht ist bei älteren Haken geboten. Insbesondere dann, wenn sie sehr dünn oder angerostet sind. Bei schlechtem Fels kann der Fels um den Haken ausbrechen, vor allem wenn der Fels bereits Risse aufweist oder die Haken nahe an Kanten und Rissen gesetzt wurden.

Geschlagene Haken

Die Haltekraft eines geschlagenen Hakens ist auch für Profis schwer abzuschätzen. Misstrauen ist angebracht!
Trotzdem werden sie natürlich eingehängt.


Mobile Zwischensicherungen

Was früher Hammer und Haken waren, sind heute Keile und Klemmgeräte. Richtig angebracht, halten sie einen Sturz problemlos. Wenn Sicherungen aus der Kletterposition heraus angebracht werden müssen, macht das eine Route einerseits anspruchsvoller, andererseits aber auch interessanter.
Schlingen, Klemmgeräte und Keile können durch die Seilbewegung aus der idealen Position rutschen. Verlängerte Expressschlingen helfen, dies zu verhindern. Wegen der Reibung und dem potenziellen «Aushebeln» von Schlingen und Keilen ist auf eine möglichst geradlinige Seilführung zu achten. Ideale Platzierungsmöglichkeiten für mobile Zwischensicherungen sollten gesucht werden, bevor man sie unbedingt benötigt.

Klettern in der Dreierseilschaft

Zum Klettern in der Dreierseilschaft benutzt man idealerweise ein Doppelseil. Die beiden Nachsteiger werden je an einem Halbseilstrang mit einem speziellen Sicherungsgerät (z.B. mit dem «ATC Guide», dem «Reverso» oder der «New Alp»-Platte) nachgesichert. Weil das Sicherungsgerät im Fall eines Sturzes selbsttätig blockiert, muss die sichernde Person die Seile nicht immer voll in der Hand halten und kann deshalb jeden der beiden Nachsteiger individuell sichern. Diese Technik ist nur mit dem Halbseil, nicht aber mit Zwillingsseilen erlaubt. Der vordere Nachsteiger belässt in Quergängen die Zwischensicherungen, damit der hintere Nachsteiger bei einem Sturz nicht zu weit pendelt.

Abseilen

Oft wird über Mehrseillängenrouten abgeseilt. Das ist bequemer, und die Wanderschuhe für den Zu- und Abstieg können dabei erst noch am Einstieg zurückgelassen werden. Das Seil muss dabei immer doppelt geführt werden, damit es wieder abgezogen werden kann. Alle bereiten eine Selbstsicherungsschlinge vor (Grafik 26). Zusätzlich
braucht jeder je eine Abseilbremse (z.B. Achter oder «ATC») und eine Prusikschlinge zur Selbstsicherung beim Abseilen.

Der Ablauf beim Abseilen
Alle Personen sind immer mit der Selbstsicherungsschlinge («Nabelschnur») gesichert. Der Prusik-Knoten (Grafik 28) kann bereits eingeknüpft werden, während ein anderes Seilschaftsmitglied am Abseilen ist.
Die nächste Person kann mit dem Abseilen beginnen, wenn die vor ihr abseilende Person am nächsten Stand angekommen, sich dort selbstgesichert und die Abseilvorrichtung gelöst hat.
Dazu ist kein Rufen nötig: Die obere Person kann starten, sobald das Seil entlastet ist, was am Stand gut spürbar ist.
Die nächste Person hängt die Abseilbremse ein (Grafik 29), macht den ABS-Check, hängt ihre Selbstsicherungsschlinge aus und seilt ab.

 

ABS-Check vor Start
A für Anker:
Hält der Stand? Ist das Seil richtig in die Verankerung eingeknüpft?

B für Bremse:
Ist das Abseilgerät richtig eingehängt und am Abseilgurt fixiert? Ist der Prusikknoten korrekt gemacht und eingehängt?

S für Seilende:
Reicht das Seil bis zum nächsten Standplatz?
Falls das unsicher ist: Sind die Seilenden mit Knoten versehen? An welchem Seilstrang muss gezogen werden, um das Seil abzuziehen?
Beim Abseilen
Beim Abseilen halten beide Hände das Seil unterhalb des Abseilgerätes, die eine führt den Prusik mit. Eine Prusiksicherung wird immer gemacht. Sie blockiert sich, wenn die Hände das Seil nicht mehr halten können. Die erste Person, die abseilt, muss allenfalls ein hängen gebliebenes Seil neu auswerfen. Dabei achtet sie darauf, dass oberhalb von ihr kein loses Seil mehr ist; es könnte, wenn es sich verklemmt, von unten evtl. nicht mehr gelöst werden oder beim Herunterziehen Steinschlag auslösen.

Achtung:
Man sollte nie bis ganz ans Seilende abseilen. Sind dort keine Knoten, rutschen die Seilenden allzu schnell durch die Bremse. Im Zweifelsfall immer Knoten in die Seilenden machen. Wenn nicht klar ist, wo der nächste Stand ist, führt man zusätzlich eine lange Reepschnur mit, um notfalls mit dem Prusik wieder am Seil aufsteigen zu können.

Material für Mehrseillängenrouten
Grundausrüstung:

– Rucksack
– Wanderschuhe
– Kletterhose
– Regen-/Windjacke
– Evtl. warme Kleidung
– Gute Sonnenbrille
– Sonnencrème/Lippenschutz, evtl. Sonnenhut
– Geld/Ausweise
– Getränk
– Lunch
– Evtl. Fotoapparat
– Evtl. Feldstecher
– Evtl. persönliche Medikamente
– Evtl. Blasenpflaster

Technisches Material:
– Anseilgurt
– 3–4 Schraubkarabiner, 2 davon birnenförmig
– 1–3 Bandschlingen (Länge 120 cm, evtl. 60 cm)
– Kletterfinken
– Helm
– Magnesia
– Reepschnurstücke (4 m, Ø 6 mm und 1.20 m, Ø 6 mm)
– Evtl. Abseilgerät
– Evtl. Keile, Friends
– Evtl. Pickel

Pro Gruppe:
– Seil, evtl. Doppel- oder Zwillingsseil
– 8–13 Expressschlingen
– Topo, Karte
– Evtl. Kompass, Höhenmesser, GPS
– Evtl. «ATC Guide», «Reverso oder «New Alpine»-Platte
(für Dreierseilschaft)
– Tourenapotheke mit Verbandsmaterial, Schmerzmitteln,
Wärmefolie (Rettungsdecke)
– Sackmesser
– Handy und evtl. Funkgerät

Für Hüttenübernachtung zusätzlich:
– Stirn- oder Taschenlampe
– Toilettenartikel
– Evtl. Seidenschlafsack
– Evtl. Ohropax
– Evtl. Alpenvereinsausweis

Die Autoren
Emanuel Wassermann und Michael Wicky sind Bergführer mit eidgenössischem Fachausweis.
Sie sind als Klassenlehrer in der Bergführerausbildung tätig, arbeiten als Gutachter bei Bergunfällen und sind Gründer und Leiter des Zentrums für Alpinausbildung «Bergpunkt».
Die beiden Spezialisten sind Autoren verschiedener Fachartikel zu diversen Alpinismus-Themen und haben das Buch «Lawinen und Risikomanagement» für Touren mit Ski, Snowboard und Schneeschuhen verfasst.
Bergpunkt bietet ein umfangreiches Ausbildungs- und Tourenprogramm (unter anderem natürlich auch Lawinenkurse).
Mehr Informationen dazu unter: www.bergpunkt.ch, info@bergpunkt.ch, Telefon 031 832 04 06

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