May 07 2010

Klettertechnik

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Text: Emanuel Wassermann, Michael Wicky
Grafiken: Atelier Guido Köhler & Co., Binningen

Die häufige Aussage von Kletterern «ich habe zu wenig Kraft für diese Route» mag zwar ab und zu stimmen, oft wäre dieselbe Route jedoch mit gleicher Kraft, aber besserer Technik machbar.  Das Ziel einer verbesserten Technik muss sein, einen Bewegungsablauf zu finden, der es erlaubt, eine Route bzw. eine Stelle mit weniger Kraft zu klettern. Je grösser das Bewegungsrepertoire, umso mehr Möglichkeiten hat man, eine schwierige Stelle zu meistern.
Neue Bewegungsmuster lernt man am besten beim angstfreien Klettern, denn bei Stress greifen wir nur auf bekannte Bewegungsmuster zurück. Das Top-Rope-Klettern (von oben gesichert) oder Bouldern sind dafür besonders geeignet.
Je nach Typ, Schichtung, Erosion und Neigung des Gesteins sind andere Klettertechniken gefragt. Man unterscheidet grob:  Reibungskletterei, Trittkletterei, Risskletterei, überhängende Kletterei und Klettern an künstlichen Wänden.

Ein Hallenkletterer, der das erste Mal in natürlichem Fels klettert, wird sich angewöhnen müssen und wird zu Beginn nicht die gleichen Schwierigkeiten meistern wie in der Halle.

Antreten
Meist wird den Griffen viel mehr Beachtung geschenkt als den Tritten, was eigentlich falsch ist, weil die Füsse ja in der Regel einen grösseren Anteil des Körpergewichtes
tragen. Es lohnt sich immer wieder, bewusst die Aufmerksamkeit auf die Füsse zu lenken. Fast jeder Kletterer kann eine Geschichte davon erzählen, wie eine Schlüsselstelle, die unmöglich erschien, mit der richtigen Platzierung der Füsse plötzlich machbar wurde.
Je mehr Gewicht auf den Füssen ist, desto weniger lastet auf den Armen. In flachem
bis senkrechtem Gelände sind eher kleine Schritte zu nehmen, damit die Arme weniger Gewicht hochziehen müssen
(Grafiken 30 und 31).


Übungen zum Antreten

Roboterklettern:
Beim Bouldern werden dem Kletterer die Tritte (und evtl. auch die Griffe) gezeigt, die er brauchen muss. So können verschiedene Varianten ausprobiert werden. Variationsmöglichkeiten:
Besonders darauf achten, dass ein Tritt präzise angetreten wird, sonst den Trittwechsel wiederholen. In flachem Gelände zwischendurch versuchen, hinter dem Rücken zu klatschen. Es kann auch ein Boulderquergang oder eine Route mehrmals auf eine andere Art geklettert werden: Ohne Einschränkung, nur mit Aussenrist, nur mit der Fussspitze, nur Innenrist, mit kleinen oder ganz grossen Schritten, falls es plattig ist, nur mit einer Hand oder nur mit einem Finger für das Gleichgewicht usw. Weiters kann eine Route im Top Rope geklettert werden, indem die Füsse in einem Abstand von 30 bis 50 cm zusammengebunden sind, so dass nur noch kleine Schritte möglich sind.

Greifen
Beim Klettern werden Griffe nicht nur nach unten belastet – auch mit Seit-, Zangen-, Stütz- und Untergriffen kann manche Kletterstelle elegant gelöst werden (Grafiken 32 bis 37). Ziel dabei ist es, möglichst «weich» zu greifen, das heisst, Griffe nur so stark halten, wie unbedingt nötig. Oft klammert man sich aus Angst unnötig stark fest, was zusätzlich Kraft kostet und Muskelverkrampfungen verursacht. Die Finger sind anfällig auf Verletzungen. Am effektivsten kann dies vermieden werden durch Aufwärmen und langsames Steigern der Belastung, kontrolliertes Greifen (z.B. bei Dynamos Aufmerksamkeit auf die Hand, die hält) und man bei aufgestellten oder verdrehten Fingern besonders vorsichtig ist. Hier sind nämlich die Belastungen besonders hoch.

Körperschwerpunkt kontrollieren
Der Körperschwerpunkt (kurz KSP) des Menschen befindet sich in etwa beim Bauchnabel. Wie das Gewicht auf Hände und Füsse verteilt ist, hängt im Wesentlichen von der Lage des KSP ab. Ideal ist, wenn er sich möglichst senkrecht über den Standflächen befindet (Grafik 39).
Um die Kontrolle des KSP zu üben kann man am Klettergurt ein Pendel (z.B. Kette aus drei Expressschlingen) vorne am Anseilpunkt befestigen. Das Pendel veranschaulicht, wohin der KSP zeigt. Danach kann man mit dem Fuss vor jedem Tritt drei Sekunden verharren und möglichst versuchen, den KSP über die Füsse zu verlagern.

Weitergreifen in steilem Gelände
In senkrechtem und überhängendem Gelände ist es wichtig, dass das Weitergreifen möglichst schnell und präzise vonstatten geht, weil dabei für eine kurze Zeit das Gewicht und die Balance nur von einer Hand gehalten werden müssen. Bei einem Kletterzug werden grob drei Phasen unterschieden: Vorbereitung, Verschiebung des KSP und Greifphase (Grafiken 40 bis 42).

Dynamisch klettern
Werden die Phasen der Verschiebung des KSP und des Greifens schnell ausgeführt, so spricht man von dynamischem Klettern. Dies wird vor allem dann angewendet, wenn der nächste Griff weit weg ist und eine Hand das ganze Gewicht nicht oder nur ganz kurz in der höchsten Position alleine zu halten vermag. Wichtig ist dabei, dass der KSP im Moment des Greifens ganz nahe an der Wand ist. Die Konzentration gilt speziell der Hand, die hält.

Spezialtechniken
Piazen: Auch Dülfer- oder Gegendrucktechnik genannt. Die Piaztechnik wird angewendet, um Kanten, Schuppen oder steile Risse zu erklettern und braucht sehr viel Kraft. Sie wird deshalb in der Regel nur für kurze Stellen angewendet, dann nämlich, wenn Füsse und Hände nicht im Riss verklemmt werden können (Grafik 43).

Mit den Füssen ziehen:
In Überhängen kann viel Gewicht von den Händen genommen werden, indem ein Fuss auf Kopfhöhe «eingehängt» wird (Grafik 44). Man kann sich auch mit den Füssen zur Seite ziehen (Grafik 45):

Kraftsparend klettern
Setzt man die optimale Bewegung und Griffabfolge ein, so braucht eine Schlüsselstelle am wenigsten Kraft.  Was aber, wenn man schon ausgepowert zur Schlüsselstelle kommt? Es hilft, auch in einfacheren Passagen Kraft sparend zu klettern und Ruhepositionen zu nutzen.

Tipps:
Planen von Ruheposition zu Ruheposition – so können die Passagen dazwischen zügig durchstiegen werden.  Insbesondere in der Halle merkt man sich, mit welcher Hand welcher Griff genommen wird. Auch in steilem Gelände können Ruhepositionen bewusst gesucht und ausgenutzt werden. In steilen Passagen sind die Arme in der Vorbereitungsphase gestreckt. Jedes Fingerglied wird von einem anderen Muskel gebeugt. Diese Tatsache nutzt man aus, indem man gewisse Muskeln für die Schlüsselstelle schont oder umgekehrt im Training eine Passage mit immer den gleich grossen Griffen klettert und so gewisse Muskeln trainiert.

Es können auch bewusst Daumen und Handgelenk eingesetzt werden, um so die üblichen Handmuskeln zu schonen. Wer «weich» greift, das heisst, nur so fest zupackt wie unbedingt nötig ist, schont die Muskulatur. In flachem bis senkrechtem Gelände sollte man darauf achten, dass in der Phase der Verschiebung des KSP beide Füsse gesetzt sind, damit beide Beine stossen können.  In weniger steilem Gelände sind möglichst kleine Schritte zu machen.

In Ruhepositionen bzw. an grossen Griffen die Arme bewusst schütteln, damit sich Verkrampfungen lösen und die Arme gut durchblutet werden. Dazu zuerst eine kraftsparende Position suchen: Haltearm gestreckt, die Füsse optimal platziert. Dann den Arm nach unten fallen lassen; darauf achten, dass kein Armmuskel angespannt ist. Nun die Schultermuskulatur so bewegen, dass man den Arm locker schütteln kann.

Die Autoren
Emanuel Wassermann und Michael Wicky sind Bergführer mit eidgenössischem Fachausweis.
Sie sind als Klassenlehrer in der Bergführerausbildung tätig, arbeiten als Gutachter bei Bergunfällen und sind Gründer und Leiter des Zentrums für Alpinausbildung «Bergpunkt».
Die beiden Spezialisten sind Autoren verschiedener Fachartikel zu diversen Alpinismus-Themen und haben das Buch «Lawinen und Risikomanagement» für Touren mit Ski, Snowboard und Schneeschuhen verfasst.
Bergpunkt bietet ein umfangreiches Ausbildungs- und Tourenprogramm (unter anderem natürlich auch Lawinenkurse).
Mehr Informationen dazu unter: www.bergpunkt.ch, info@bergpunkt.ch, Telefon 031 832 04 06

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