May 07 2010

Lawinenunfälle – das Einmaleins der Kameradenrettung

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Text: Emanuel Wassermann und Michael Wicky
Illustrationen: Atelier Guido Köhler & Co.


Geschwindigkeit rettet Leben

Ob man einen Lawinenabgang überlebt oder nicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Rund 90 Prozent aller bei einem Lawinenabgang ganz Verschütteten leben zehn Minuten nach der Verschüttung noch. Bei den Verunglückten, die einen schnellen Tod finden, sind Verletzungen durch einen Sturz in die Tiefe, Hindernisse in der Lawinenbahn (Bäume, Steine) oder der enorme mechanische Druck der Schneemassen mögliche Todesursachen.

Die meisten Menschen ersticken allerdings, weil der Schnee die Atemwege verstopft, oder sie erliegen einer Kohlendioxid-Vergiftung, weil die Atemhöhle durch die Atemfeuchtigkeit schnell vereist und so die immer gleiche Luft ein- und ausgeatmet wird.
Deshalb hängt das Überleben der meisten Verschütteten in erster Linie davon ab, wie schnell sie geborgen werden – die effiziente Kameradenrettung ist einer der Schlüsselfaktoren dazu. Wer nicht innerhalb der ersten zehn Minuten aus den Schneemassen befreit wird, dessen Überlebenschancen sinken rapide (siehe Grafik 1). Bei der Kameradenrettung zählt deshalb jede Sekunde.


Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Rettung ist die richtige Ausrüstung (LVS, Schaufel, und Sonde) und die nötige Übung.

Der Rettungsablauf


Übersicht gewinnen, dann loslegen

Ist die Lawine erst einmal zum Stillstand gekommen, gilt es Ruhe zu bewahren und sich einen Überblick zu verschaffen, um möglichst schnell und gut organisiert zu helfen. Der Erfahrenste in der Gruppe übernimmt sofort die Führung und beginnt die Rettung zu organisieren. Befindet sich die Gruppe im Empfangsgebiet von Mobiltelefon oder Funk wird zuerst die Rettung von aussen alarmiert.

Alle nicht verschütteten Gruppenmitglieder schalten ihr Lawinenverschüttengerät LVS aus, damit die Suche nicht durch unnötige Signale gestört wird. Im Idealfall konnten die Nichtverschütteten den Punkt beobachten, wo das Opfer verschwand. Dies verkleinert das Suchfeld unter Umständen bereits massiv, weil der Verschüttete nur unterhalb des Verschwindepunktes in Fliessrichtung der Lawine gesucht werden muss (Grafik 2).

Danach muss festgestellt werden, wieviele Personen verschüttet sind. Wichtig ist, dass eventuelle weitere Gefahren nicht ausgeblendet werden. Eine zweite Lawine kann die beim ersten Abgang verschonten Gruppenmitglieder erfassen, deshalb vor allem bei Nassschneelawinen den gefährdeten Hang beobachten und wenn möglich alle Personen aus der Gefahrenzone bringen, die nicht für die Rettung im Einsatz stehen.

Primärsuche mit Auge, Ohr und LVS
Die geübteste Person in der Gruppe beginnt sofort die Suche mit dem LVS. Empfängt sie kein Signal, muss der Lawinenkegel je nach Grösse in kleine Suchstreifen aufgeteilt und systematisch abgesucht werden (sieheGrafik 8). Sind genügend Personen anwesend, kann jemand gleichzeitig den Lawinenkegel mit Auge und Ohr absuchen.
Leider kommt es immer wieder vor, dass die Nichtverschütteten in Panik den Unfallort verlassen, um Hilfe zu holen und dabei tragischerweise nicht bemerken, dass ein Körperteil des Verschütteten gut sichtbar aus dem Schnee ragt und so eine schnelle Rettung ermöglicht hätte. Auch Ski, Stöcke oder andere Produkte können schnell zum Verschütteten führen (siehe Grafik 3).

Sekundärsuche mit Eingabeln oder Feldlinienverfahren
Empfängt das LVS ein erstes Signal, führen Eingabeln oder das Feldlinienverfahren schnell in die Nähe des Opfers. Die entsprechende Technik ist abhängig vom benutzten Suchgerät und muss intensiv trainiert werden. Fast ausnahmslos alle Bergsportschulen bieten jeweils Anfang Winter entsprechende Kurse an. 
Nimmt die Lautstärke nach allen Richtungen ab, beziehungsweise die Distanzanzeige bei digitalen Geräten zu, ist die ungefähre Lage des Opfers bestimmt (siehe Grafik 10).

Punktordnung mit Lawinensonde
Wegen der komplexen Abstrahlungscharakteristik des LVS kann der Verschüttungsort des Opfers nicht zentimetergenau bestimmt werden. Die Genauigkeit hängt vor allem von der Verschüttungstiefe und der Lage des Opfers ab. In einer besonders ungünstigen Situation kann es passieren, dass man bei einer Verschüttungstiefe von einem Meter in einer Distanz von bis zu einem Meter am Opfer vorbeigräbt.

Aus diesem Grund sollte man in jedem Fall mit der Lawinensonde sondieren, bevor man gräbt.

Aber Achtung:
Beim Sondieren nicht zuviel Zeit verlieren, denn berücksichtigt man die Lochgrösse, die nötig ist, um einen Menschen schliesslich zu bergen, spielt die Ungenauigkeit beim Beginn des Grabens keine entscheidende Rolle.

Es ist jedoch hilfreich, in einer gewissen Tiefe mit LVS und Sonde die Grabrichtung zu korrigieren (siehe Grafik 4 und 5)

Schaufeln auf Teufel komm raus!
Ist man auf das Opfer gestossen, bleibt die Sonde stecken. So weiss man genau, wo und wie tief gegraben werden muss. Je tiefer das Opfer verschüttet ist, desto grösser muss auch die auszuhebende Grube sein. Die Umrisse des Opfers betragen rund 2 x 2 Meter, entsprechend grosszügig dimensioniert sollte auch das Loch sein, das ausgehoben wird.
Eine grosse Grube ist schneller ausgehoben als ein schmaler Schacht.
Wenn genügend Helfer bereit stehen, gräbt man am besten paarweise und wechselt sich häufig ab. Geschwindigkeit ist alles, insbesondere beim Schaufeln, denn in den meisten Praxisfällen geht die Zeit nicht beim Suchen verloren, sondern beim Freischaufeln des Verschütteten.
Der Kauf der Lawinenschaufel kann also entscheidend sein: Lieber ein paar Gramm mehr mittragen, wenn dafür effizienter geschaufelt werden kann und die Schaufel nicht gleich bei der ersten Gelegenheit in Einzelstücke zerfällt.

Die durchschnittliche Verschüttungstiefe lebend Geborgener beträgt rund 50 Zentimeter, diejenige tot Geborgener ungefähr einen Meter.

Sofortige Reanimation
Stösst man auf den Verschütteten, muss man ihm zuerst das Gesicht freilegen und ihn dann wenn nötig sofort reanimieren. Aber Achtung:
Nach der Bergung kann das Lawinenopfer doppelt so rasch auskühlen wie in der Lawine, weil Schnee sehr gut vor Kälte schützt! Der Gerettete muss bestmöglich vor weiterer Auskühlung geschützt werden. Eine besondere Gefahr besteht durch den sogenannten «Bergungstod». Das Risiko steigt, je länger das Opfer verschüttet ist und deshalb in der gleichen Position verharren muss.
Das durch die Kälte nur ungenügend arbeitende Herz erträgt einen durch plötzliche Bewegung ausgelösten Blutrückstrom von kaltem Blut aus Armen und Beinen schlecht und kann plötzlich stillstehen. Gerettete dürfen aus diesem Grund nur vorsichtig bewegt werden.

Sofortiger Alarm
Bei einem Lawinenunfall ist die Geschwindigkeit der Kameradenhilfe von zentraler Bedeutung. Als Erstes wird versucht, mit Funk oder Handy Hilfe anzufordern. Ist dies nicht möglich, werden zuerst die Verschütteten gesucht, bevor man fremde Hilfe anfordert. Sind mehrere ausgebildete Leute vor Ort, kann natürlich gleichzeitig gesucht und alarmiert werden. Bei einer Ganzverschüttung ist ein schonender Helitransport und eine ärztliche Untersuchung in jedem Fall gerechtfertigt (siehe Grafik 6).

Die Autoren
Emanuel Wassermann und Michael Wicky sind Bergführer mit eidgenössischem Fachausweis.
Sie sind als Klassenlehrer in der Bergführerausbildung tätig, arbeiten als Gutachter bei Bergunfällen und sind Gründer und Leiter des Zentrums für Alpinausbildung «Bergpunkt».
Die beiden Spezialisten sind Autoren verschiedener Fachartikel zu diversen Alpinismus-Themen und haben das Buch «Lawinen und Risikomanagement» für Touren mit Ski, Snowboard und Schneeschuhen verfasst.
Bergpunkt bietet ein umfangreiches Ausbildungs- und Tourenprogramm (unter anderem natürlich auch Lawinenkurse).
Mehr Informationen dazu unter: www.bergpunkt.ch, info@bergpunkt.ch, Telefon 031 832 04 06

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